Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust.

Einen Finger kann man brechen, aber fünf Finger sind eine Faust.

Pandemiebekämpfung, Wirtschaftskrise und Krieg - und die Psyche der Arbeiterklasse


Kapitalismus braucht ständiges Wachstum. Wenn die Produktion eine quantitative Grenze erreicht hat, muss sie ihre Qualität ändern, um weiter wachsen zu können. Dass dieses Konzept auf Dauer Irrsinn ist, sollte jedem normal denkenden Menschen sofort ins Auge fallen.

Trotzdem spornen die Kapitalisten ihre Arbeiter immer zu neuen Höchstleistungen an, um die Ziele ihrer Profitmaximierung zu erreichen. In den imperialistischen Zentren kann dies nicht mehr durch bloße Beschleunigung der Fließbänder geschehen, sondern es muss immer mehr an der Optimierung des Individuums geschraubt werden.

Ein Beispiel aus dem Jahr 2005: Als Didier Lombard zum Geschäftsführer der France Télécom (heute bekannt als Orange) wurde, trat er als sogenannter „cost killer" (zu deutsch: „Kosten Töter") an. Unter dem Slogan „Time to move" (zu deutsch: „Zeit sich zu bewegen") etablierte Lombardo ein System, in dem jeder Mitarbeiter alle drei Jahre seinen Arbeitsplatz innerhalb des Konzern wechseln sollte. Dabei wurden regelmäßig Befragungen der Kunden zu der Arbeitsleistung, sowie der Freundlichkeit der Mitarbeiter unternommen, die in Personalakten vermerkt wurden. Alles zur Effizienzsteigerung. Dies gelang den Unternehmen unter Lombardo: 3,5 Milliarden Euro Kosteneinsparung und eine Ausdünnung des Personals um 22.000 Mitarbeiter. Der Konzern erwirtschaftete in dieser Zeit 4,1 Milliarden Euro Gewinne. Gleichzeitig kam es im Unternehmen zu einer Selbstmordwelle keines gleichen. Alleine im Jahr 2008 töteten sich 25 Mitarbeiter selbst und weitere 13 versucht es. Die Gewerkschaft hingegen spricht von mehr als 60 Selbstmorden.

Die Konsequenzen? Lächerlich! Anfangs versuchte Lombard die Selbstmorde noch als „Selbstmordmode" zu relativieren. Als dann jedoch selbst für den öffentlichen Diskurs dieses Thema zu heiß wurde, musste Lombard seinen Posten räumen, wurde aber weiterhin als Berater angestellt - bei einem Jahresgehalt von 500.000 Euro. Weiter wurde gegen ihn Anklage erhoben.

Das Ergebnis: 1 Jahr in Haft, 8 Monate zur Bewährung und 15.000 Euro Strafe. [1,2] Zahlreicher solcher Optimierungsversuche innerhalb kapitalistischer Unternehmen lassen sich in den letzten Jahren feststellen. Seit 2019 befinden wir uns nun aber zusätzlich in einem permanenten Ausnahmezustand. Die Covid-19 Pandemie hält die Menschen auf der Erde fest im Griff. Hinzu kommt die am 24. Februar 2022 begonnene militärische Offensive der russischen Föderation gegen Ukraine und die damit verbundene, zeitlich versetzte Inflation des Westens. Alles Faktoren, die massive Auswirkungen auf das Leben der Arbeiterklasse haben. Seit gut zwei Jahren unternimmt die Mehrheit der Bevölkerung alle erdenklichen Maßnahmen, um die Wellen des tödlichen Virus abzuschwächen und so das Leben der Mitbürger zu schützen. Der Staat verordnete sehr halbherzig diverse Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie und diese betrafen vorallem das private Leben der Menschen, weniger jedoch den möglichen Infektionsort Arbeitsplatz. Genau so halbherzig, wie ihn das körperliche Wohl seiner Bevölkerung als Selbstzweck interessierte, so lag ihm auch das psychische Wohl nicht am Herzen. Menschen starben in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, ohne sich von ihren Liebsten verabschieden zu können. Schüler isolierten sich durch mangelnde technische Infrastruktur in Zeiten des sogenannten „Home Schoolings" und wurden teilweise gänzlich aus dem Unterrichtsgeschehen ausgeschlossen. Aber auch der gesundheitlich nicht-betroffene Arbeiter und Angestellte wurden durch unzählige Monate im „Homeoffice" und eingeschränkte Freizeitgestaltung, sowie dauernde Existenzängste um Job und Wohnung zermürbt. In Großbritannien werden diese Phänomene sehr breit untersucht. Man stellte dabei fest, dass es seit Beginn der Pandemie zu einer Verdopplung der Alkoholabhängigen kam und um eine 20% gesteigerte Sterberate aufgrund von Alkohol. Jeder 40% der Doktoranden im Königreich hat regelmäßig Suizidgedanken. In allen Bereichen des Gesundheitswesen kam es zum  Anstieg psychischer Erkrankungen durch Mehrbelastung, sowie die häufigere Konfrontation  mit dem Tod. [3,4,5]

Die Inflation und der Krieg in der Ukraine zeigen uns jedoch, dass mit der Pandemie und ihren Einschränkungen noch nicht die Spitze des Eisbergs erreicht wurde und die Arbeiterklasse mit weiteren Verschlechterungen ihrer Lebenslage zu kämpfen haben wird. Schon heute sind 2,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland von Armut gefährdet. Schon jetzt reicht z.B. das Arbeitslosengeld II nicht im Ansatz um die täglichen Lebenshaltungskosten zu decken, geschweige denn ein menschenwürdiges Leben zu führen. Nun kommen 8% Inflation bei 0,76% Steigerung des Regelsatzes (das entspricht 3 Euro) hinzu. Wenn die Politik nicht sofort etwas unternimmt, ist dies Mord auf Raten. Schon heute zeigen gut eine halbe Millionen 16-19 Jährige Symptome von Depressionen. Das entspricht zirka 25% dieser Bevölkerungsgruppe im Gegensatz zu 10% im Jahr vor der Pandemie. Wenn jetzt noch Unterernährung und fehlende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hinzukommt, wird hier sozialer Sprengstoff entstehen, der zu Aufständen und Krawallen führen wird. Als Vorgeschmack können hier sicherlich die Unruhen in den sogenannten „Banlieues“ (französisch für „Bannmeile“. In etwa vergleichbar mit einer Vor- oder Trabantenstadt) in Frankreich 2005 gesehen werden. Damals entlud sich der aufgestaute Frust der oft jungen und migrantischen Jugendlichen gegen ihre eigenen Viertel. Der Protest war roh und ungezielt. Für die Zukunft müssen wir alles dafür geben, diese Wut auf der Straße für die Sache der kommunistischen Partei und der gesamten Arbeiterklasse zu
kanalisieren. [6,7,8]

Optimierung des Individuums bedeutet heute, Stärke zeigen. Nicht mehr durch Muskelkraft und Schweiß und Blut. Heute bedeutet Stärke, selbst unter widrigsten sozialen Bedingungen Leistung zu bringen. 10 Stundenschichten im Homeoffice arbeiten, andauernd erreichbar sein und sich und seine Familie schulisch und fachlich auf dem neusten Stand halten, damit man konkurrenzfähig bleibt.

Nur wer bereit ist, seine eigene körperliche und geistige Gesundheit täglich aufs Spiel zu setzen und moralisch so verroht ist, neben den Leichen seiner toten Kollegen noch Leistung zu bringen (so geschehen im Dezember 2019, im VW-Werk Wolfsburg) wird in diesem menschenverachtenden Spiel aufsteigen können. [9]


Quellen:


1 https://taz.de/Selbstmord-Serie-bei-France-Telecom/!5154091/

2 https://www.spiegel.de/karriere/france-telecom-haftstrafe-fuer-manager-nach-selbstmorden-von-mitarbeiter-a-1302288.html

3 https://www.forschung-und-lehre.de/karriere/promotion/vier-von-zehn-doktoranden-in-grossbritannien-sind-gefaehrdet-4103

4 https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/128762/COVID-19-Anstieg-von-Aengsten-und-Depressionen-bei-Aerzten

5 https://www.fr.de/panorama/corona-mehr-alkohol-todesfaelle-lebererkrankungen-alkoholvergiftung-england-steigend-90921542.html

6 https://www.focus.de/gesundheit/expertin-warnt-vor-krisenfolgen-pure-existenznot-psychologin-erklaert-wie-arme-kinder-unter-turbo-inflation-leiden_id_107950126.html

7 https://www.tagesspiegel.de/politik/alleine-lernen-kein-sport-kaum-kontakt-experten-warnen-vor-psychischen-auswirkungen-von-corona-auf-kinder-und-jugendliche/27461628.html

8 https://www.deutschlandfunk.de/vor-10-jahren-tod-zweier-jugendlicher-loest-unruhen-in-100.html

9 https://www.focus.de/finanzen/boerse/news/volkswagen-mitarbeiter-stirbt-in-nacht-wolfsburg-kollegen-arbeiten-neben-leiche-einfach-weiter_id_11708143.html


Verfaßt von: KPD
Kategorie: Sachsen
Veröffentlicht: 10.9.2022
Zugriffe: 5087
Schlagwörter: Inland
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